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Kategorie: Matura, mündliche Reifeprüfung (Ö) 24 Themen
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„Nennt mich nicht eine Heilige. Ich möchte nicht so einfach abgetan werden". Diesen Ausspruch tätigte die Amerikanerin Dorothy Day zu einer Zeit, als viele sie tatsächlich schon als Heilige sahen, freilich als eher ungewöhnliche Heilige: Dorothy Day war Sozialaktivistin, Reporterin, Autorin, Friedenskämpferin und engagierte sich für Frauenrechte. Sie besuchte jeden Tag die Messe, fastete regelmäßig und verbrachte oft mehrere Stunden des Tages im Gebet, trotzdem wurde sie über Jahrzehnte vom FBI als Kommunistin beobachtet und war mehrmals inhaftiert. An ihr zeigt sich, dass eine mystische Haltung sensibler für das Leben macht. Plötzlich kann es in seiner Schönheit gesehen werden, gleichzeitig zeigt sich aber das, was dieser Schönheit entgegensteht, mit noch größerer Härte. Diese Spannung auszuhalten, war für Dorothy Day nur in ihrem Glauben möglich: "Wenn ich etwas in meinem Leben erreicht habe, dann weil ich mich nie schämte über Gott zu sprechen."

Schon als Jugendliche hat Dorothy die Gabe, mitten in der städtischen Trostlosigkeit Chicagos Schönes zu entdecken. Sie saugt die Gerüche von Geranien, geröstetem Kaffee und Brötchen im Ofen ein und meint: "Hier ist genug Schönheit, um mich zufrieden zu stellen."

Mit 18 Jahren erhält sie ein Stipendium für die Universität in Illinois/ Urbana, bricht es aber nach zwei Jahren ab, um als Reporterin der einzigen sozialistischen Tageszeitung der Stadt tätig zu sein. Mit 20 kommt sie zum ersten Mal ins Gefängnis, weil sie eine der 40 Frauen ist, die vor dem Weißen Haus gegen den Ausschluss von Frauen vom Wahlrecht demonstrieren. Die Frauen werden in ein Arbeitshaus gebracht, wo sie sehr schlecht behandelt werden. Als Folge treten sie in einen Hungerstreik und werden schließlich auf Geheiß des Präsidenten frei gelassen.

In diese jungen Jahre fällt auch die größte Tragödie ihres Lebens, die sie einige Jahre später in dem Roman „The Eleventh Virgin" verarbeitet: In Folge einer kurzen Affäre mit einem Journalisten wird sie schwanger und treibt ihr Kind ab. Sie lebt von nun an in der Gewissheit, unfruchtbar zu sein. Die Sehnsucht nach einem Kind quält sie aber immer stärker. "Ich fühlte, dass mein Heim ohne ein Kind kein richtiges Heim war".

Einige Jahre später verliebt sie sich erneut: Forster Batterham, ein Botaniker, steht Ehe und Religion sehr ablehnend gegenüber. In einer solch grausamen Welt hält er es für unmöglich, an einen Gott zu glauben. Zu dieser Zeit aber beschäftigt sich Dorothy bereits mit Fragen nach Gott. Es bedrückt sie, dass ihr Lebensgefährte kein Gefühl für die Präsenz Gottes in der Welt hat. "Wie kann es keinen Gott geben", fragt sie, "wenn es doch all diese wunderbaren Dinge in der Welt gibt?" Ihn aber ärgert ihre "Vertiefung in das Übernatürliche", was immer wieder zu Streit führt. In dieser Situation wird Dorothy plötzlich schwanger und bringt ihre Tochter Tamar auf die Welt. Sie erlebt diese Geburt wie ein Wunder. "Kein menschliches Geschöpf kann eine solche Freude empfinden oder fest aufbewahren, wie ich sie oft nach der Geburt meines Kindes empfand. Zugleich kam damit das Bedürfnis, anzubeten und zu verehren". Dieses Ereignis bringt Dorothy Day endgültig näher zu Gott. Dreißig- jährig lässt sie sich katholisch taufen. Ihre Tochter Tamar wird ebenfalls getauft und das bedeutet den Bruch mit ihrem atheistischen Partner. Für Dorothy beginnt nun ein Leben in dem sie versucht, ihren Glauben und ihre radikal sozialen Werte miteinander zu verbinden.

Zwei Jahre später berichtet sie über den so genannten "Hunger March", eine Demonstration von Arbeitern für soziale Besserstellung, Jobs und medizinische Versorgung. Sie hält sich aus der Demonstration bewusst heraus, weil sie von Kommunisten organisiert wird. Nach der Kundgebung geht Dorothy zum Schrein der Unbefleckten Empfängnis, wo sie betet: "Ich sprach ein besonderes Gebet, ein Gebet unter Tränen und Seelenqual, dass sich mir irgendein Weg auftun möge, um die Begabungen, die ich besaß, für die Arbeiter und die Armen zu nutzen".

Als sie am nächsten Tag in ihr Appartement in New York zurückkehrt, trifft sie Peter Maurin, einen ob- dachlosen Landstreicher, der zugleich katholischer Philosoph und anarchistischer Sozialist ist. Dorothy sieht in ihm jemanden, der ihr helfen kann, ihre Bestimmung zu erkennen und lauscht seiner Vision von einer sozialen Ordnung, die die Grundwerte der Evangelien beinhaltet, "in der es für die Menschen leichter wäre, gut zu sein". Kurz darauf gründen die beiden die monatlich erscheinende Zeitung .Catholic Worker', die bis heute für einen Penny zu haben ist. Die Zeitung soll radikal und katholisch zugleich sein, um die friedliche Umgestaltung der Gesellschaft voranzutreiben.

Werden die ersten Exemplare noch in der Küche von Dorothy Day gedruckt, steigert sich der Erfolg der Zeitung in den nächsten Monaten rasant; die Verbindung von politischer Kritik, sozialer Einstellung und Religion findet spontanen Zuspruch in New York. Unter anderem vertritt Peter Maurin im Catholic Worker die Haltung, dass Christen und Christinnen mehr tun müssten, als sich um ihren Freundeskreis gut zu kümmern. Jeder sollte ein "Christenzimmer" haben und jede Kirchengemeinde ein "Haus der Gastfreundschaft" für jene, denen es wirklich schlecht ginge.

Gleichzeitig wird es Winter in New York und als Reaktion auf diese Meinung klopfen plötzlich Obdachlose an die Tür der Redaktion des Catholic Worker. Das ist der Anstoß für die Gründung von unzähligen Suppenküchen und Unterkünften für Obdachlose in New York. Der Catholic Worker wird in kürzester Zeit zur nationalen Bewegung, drei Jahre später gibt es bereits 33 Catholic Worker-Häuser über ganz Amerika verstreut. Die Aufgenommenen sind Obdachlose, psychisch oder geistig Beeinträchtigte, Alkoholiker und andere von der Gesellschaft Aufgegebene.

Viele sind überrascht, dass sich in diesen Häusern niemand daran macht, sie zu missionieren. Ein Kreuz an der Wand ist das einzige unmissverständliche Zeichen für den Glauben der Bewegung. Die Belegschaft der Häuser erhält nur Verpflegung, einen Platz am Tisch und gelegentlich Taschengeld. Oftmals wird die Catholic Worker-Bewegung auch scharf kritisiert, denn es handle sich bei den Betreuten ja um "Trinker und Taugenichtse", nicht um "unverschuldet Arme". Einmal fragt ein Besucher Dorothy, wie lange es den Gästen erlaubt sei zu bleiben, worauf sie antwortet: "Wir lassen sie für immer bleiben. Sie leben mit uns, sie sterben mit uns, und wir geben ihnen ein christliches Begräbnis. Wir beten für sie nach dem Tod. Wenn sie einmal aufgenommen wurden, sind sie ein Teil der Familie. Oder besser, sie waren schon immer ein Teil der Familie. Sie sind unsere Brüder und Schwestern in Christus."

Was Dorothy Day den meisten Ärger einbringt, ist ihr radikaler Pazifismus. Eine gewaltfreie Lebensführung, ist, wie sie meint, fest in den Evangelien verankert. Als sie den Angriff auf Pearl Harbor verfolgt und Amerika den Kriegseintritt verkündet, schreibt sie am laufenden Band gegen den Krieg. "Wir werden die Worte Christi drucken. Unser Manifest ist die Bergpredigt". Wahrscheinlich hat es keine andere Zeitung gegeben, deren Redakteure so oft aus Gewissensgründen ins Gefängnis gingen, Dorothy Day selbst vier Mal in ihrem Leben, immer in Zusammenhang mit Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Viele junge Männer von Catholic Worker mussten auch deshalb ins Gefängnis, weil sie ihrer Einberufung nicht Folge leisteten.

Zu den Ritualen der Bewegung gehört es auch, an den jährlichen staatlichen Zivilschutzübungen nicht teilzunehmen. Eine solche Vorbereitung auf den Angriff erscheint Dorothy Day als Versuch, den Atomkrieg so darzustellen, als könnte man ihn überleben und als wären so die Milliardenausgaben für das Militär zu rechtfertigen: "Im Namen von Jesus, der Gott ist, werden wir diesem Befehl zu heucheln, zu evakuieren und sich zu verstecken, nicht gehorchen. Wir werden uns nicht darauf dressieren lassen, uns zu fürchten. Wenn wir uns auf die Atombombe verlassen, dann haben wir keinen Glauben an Gott."

Dorothy Day hat für ihren Einsatz für den Frieden und ihr soziales Engagement für die Armen zahlreiche Ehrungen erhalten. Unter denen, die sie besuchen kamen, als sie nicht mehr in der Lage war zu reisen, war auch Mutter Theresa von Kalkutta. Sie heftete ihr das Kreuz, das nur Missionarinnen der Nächstenliebe tragen dürfen, ans Kleid.

Dorothee Sölle, eine evangelische Theologin und Friedensaktivistin, besuchte Dorothy Day in den siebziger Jahren in der Lower East Side Manhattans und berichtet von ihren Eindrücken: „Als ich mit freiwilligen Helfern Suppe ausgegeben habe, erheiterte es mich, dass nicht die Armen Schlange stehen mussten, sondern dass sie zu Tisch gebeten wurden und wir sie bedienten. Ich hatte ein langes Gespräch mit Dorothy Day, ständig unterbrochen von obdachlosen Frauen und einigen Männern. Die alte Frau Day erwähnte nebenbei, dass immer wieder Leute in ihr Zimmer kämen, dort eine Weile hausten, Sachen mitnähmen oder liegen ließen. Der Verzicht auf persönlichen Besitz, den sie lebte, schloss auch den Verzicht auf eine private Sphäre ein (...)."

Mit Mutter Theresa verbindet Dorothy Day das radikale Einlassen auf die Not und die Verzweiflung der Menschen. Beide Frauen führte diese Haltung auch immer wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und in ein Gefühl der absoluten Gottferne. Von Dorothy Day weiß man, dass sie sich in solchen Phasen des Schmerzes zurückgezogen und geweint hat. Sie ist stundenlang, tagelang ohne Nahrung einfach dagesessen und hat geweint. Nicht nur in diesen Zeiten zitierte sie gern Dostojewski: "Liebe von uns zu verlangen, ist eine harte und schreckliche Sache!

Dorothy Day: Geboren am 8. November 1897 in Brooklyn/ New York, 1915 Graduation an der Robert Waller High School und Gewinn eines Stipendiums an der University of Illinois, 1928 Konversion zum Katholizismus, 1933 Gründung der Catholic-Worker- Bewegung, 1973 im Alter von 76 Jahren das letzte Mal im Gefängnis. Gestorben 29. November 1980 in New York

Die Catholic Workers bestehen in Amerika bis heute. http://www.catholicworker.org/

Päpste über Dorothy Day:

Benedikt XVI: Die Fähigkeit, sich den ideologischen Verlockungen ihrer Zeit zu widersetzen, um die Suche nach der Wahrheit zu wählen und sich der Entdeckung des Glaubens zu öffnen, wird von einer weiteren Frau unserer Zeit bezeugt, der US-Amerikanerin Dorothy Day. In ihrer Autobiographie bekennt sie offen, dass sie in Versuchung geraten ist, alles durch die Politik lösen zu wollen und der marxistischen Theorie zu folgen: »Ich wollte mit den Demonstranten gehen, ins Gefängnis gehen, schreiben, die anderen beeinflussen und der Welt meinen Traum hinterlassen. Wie viel Ehrgeiz und wie viel Suche nach mir selbst steckten in all dem!« In einem so säkularisierten Umfeld war der Weg zum Glauben besonders schwierig, aber die Gnade wirkt trotzdem, wie sie selbst hervorhebt: »Und gewiss spürte ich öfter die Notwendigkeit, in die Kirche zu gehen, niederzuknien, das Haupt zum Gebet zu beugen. Ein einfacher Instinkt, könnte man sagen, denn ich war mir nicht bewusst zu beten. Aber ich ging, ich fügte mich in die Atmosphäre des Gebetes ein …« Gott führte sie zu einer bewussten Hinwendung zur Kirche, in einem Leben, das den Entrechteten gewidmet war.

Papst Franziskus Washington, D.C, 24. September 2015: Rede im Kongress

Vier … Amerikaner möchte ich erwähnen: Abraham Lincoln, Martin Luther King, Dorothy Day und Thomas Merton. In diesen Zeiten, in denen soziale Anliegen eine solche Bedeutung haben, darf ich nicht versäumen, die Dienerin Gottes Dorothy Day zu erwähnen, welche die katholische Sozialbewegung Catholic Worker Movement gegründet hat. Ihr soziales Engagement, ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit und für die Sache der Unterdrückten waren vom Evangelium, von ihrem Glauben und vom Vorbild der Heiligen inspiriert. Wie viel Fortschritt ist auf diesem Gebiet in so vielen Teilen der Welt gemacht worden! Der Kampf gegen Armut und Hunger muss beständig und an vielen Fronten ausgefochten werden, besonders in ihren Ursachen.

Die katholische Art der Gottesverehrung sprach Dorothy Day an:

Ihre religiöse Entwicklung war ein langsamerer Prozess. Als Kind besuchte sie den Gottesdienst in einer Episkopalkirche. Als junge Journalistin in New York ging sie manchmal spät nachts in die katholische St. Joseph’s Church an der Sixth Avenue. Die katholische Art der Gottesverehrung sprach sie an. Während sie über den katholischen Glauben wenig wusste, faszinierte sie die geistige Disziplin des Katholizismus. Sie sah die katholische Kirche als “die Kirche der Einwanderer, die Kirche der Armen.” Als sie 1922 in Chicago als Reporterin arbeitete, teilte sie ihr Zimmer mit drei jungen Frauen, die an jedem Sonntag und Feiertag zur Messe gingen, und sich jeden Tag Zeit für das Gebet nahmen. Es war ihr klar, dass “die Teilnahme am Gottesdienst, die Anbetung, das Dankgebet, die Fürbitte… die edelsten Handlungen sind, zu denen wir in diesem Leben fähig sind.“

Weiterführende Literatur: Praxis des Comboni-Missionars Juan Goicochea und Option für die Armen (5.Klasse S. 100-104), Sel. Oskar Romero (5.Klasse S. 100), Papst Franziskus, Hl. Martin, Hl. Nikolaus (5.Klasse S. 100). Franz von Assisi (7. Klasse S. 146), Dorothy Day (7. Klasse S. 150)

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