Drucken
Kategorie: 1. Klasse AHS (Ö)
Zugriffe: 91

6.5a                                    Schuster Martin liest                     1.Kl.

Schuster Martin wohnte in einem Keller. Durch das Fenster konnte er die Menschen sehen, die draußen auf der Straße vorübergingen. Zwar sah er nur ihre Füße, aber er erkannte jeden an seinen Schuhen. Fast alle diese Schuhe und Stiefel hatte er schon ein paar Mal geflickt und ausgebessert.

Er lebte ganz allein in diesem Keller, der zugleich Wohnung und Werkstatt war. Seine Frau und alle seine Kinder waren gestorben. Er war sehr traurig.

Mit seinem Freund Wladimir wollte er nicht fortgehen.

„Gott und ich stehen nicht auf gutem Fuß“, sagte er eines Tages einem Priester, der ihm eine Bibel zum Einbinden brachte. „Vielleicht lebst du nur für dich?“ fragte ihn der heilige Mann.

„Wofür lohnt es sich zu leben?“

„Für Gott, Martin, für Gott!“

Martin warf einige Blicke in die Bibel und wurde von ihr angezogen. Tagsüber arbeitete er fleißig, nagelte neue Sohlen auf die Schuhe und flickte geplatzte Nähte. Sobald es jedoch dämmrig wurde, zündete er die Lampe an und setzte sich zur Bibel. Je öfter er darin las, umso leichter wurde ihm zumute.

Er las von einem Mann, der Jesus zu sich einlud, aber kein guter Gastgeber war. „Wenn der Herr Jesus zu mir käme, würde ich ihn besser behandeln.“ dachte sich Martin. Er war so müde, dass er über der Bibel einschlief.

Am nächsten Morgen schaute er immer wieder aus dem Fenster. Bald sah er ein Paar geflickte Filzstiefel und er wusste, dass es Stepan war, der alte Soldat, der draußen Schnee schaufelte. Er sah, wie müde der alte Soldat war und wie sehr ihn das Schneeschaufeln anstrengte.

„Komm herein, Stepan, und wärm dich auf!“

Der alte Mann schüttelte den Schnee von den Stiefeln und kam herein.

„Setz dich zu mir“, sagte Martin, „und trink ein Glas Tee. Das wird dir gut tun.“

Nachdem der Alte den heißen Tee getrunken hatte, arbeitete Martin weiter und schlug weiter Nägel in die Schuhsohlen ein.

Nach einer Weile sah er auf der Straße eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm. Die Frau fror in einem viel zu dünnen, ärmlichen Kleid und suchte vergeblich ihr Kind vor dem kalten Wind zu schützen.

„Komm herein!“ rief ihr Martin zu. „Setz dich an den Ofen, dass es dir Warm wird.“ Er schnitt ein Stück Brot ab, nahm die Suppe vom Herd und füllte einen Teller. Während die Frau aß, nahm Martin das Kind auf den Schoß und spielte mit ihm. Bevor die Frau ging, holte er seine Jacke und den Schal seiner Frau. „Da, nimm sie! Ich habe nichts Besseres, aber du kannst zumindest dich und dein Kind warm halten.“ Die junge Frau freute sich und bedankte sich bei Martin.

Nicht lange danach hörte Martin lautes Geschrei. Eine Marktfrau schlug auf einen kleinen Jungen ein, der einen Apfel aus ihrem Korb gestohlen hatte.

"Warte du Dieb!" schrie sie zornig. "Ich bringe dich zur Polizei."

Martin rannte auf die Straße hinaus. "Lass ihn doch laufen!" sagte er zu der Frau. "Er wird es bestimmt nicht wieder tun. Den Apfel werde ich dir bezahlen." Er gab der Frau ein paar Münzen, dann nahm er den Apfel uns schenkte ihn dem Jungen. "Du musst dich aber entschuldigen" sagte er.

Der Junge fing zu weinen an. "Ist schon gut!" sagte die Frau. Als sie weiterging lief der Junge nach und half ihr den schweren Korb tragen.

Martin kehrte in den Keller zurück und setzte sich an die Arbeit. Als es dunkel wurde, zündete er die Lampe an und schlug die Bibel auf.

Martin sah im Licht der Lampe den alten Stepan stehen. Die Frau mit dem Kind war da, der Junge mit dem Apfel und die Marktfrau. Alle lächelten Martin an und verschwanden dann.

Martin war glücklich. Er nahm die Bibel und las auf der Seite, die er aufgeschlagen hatte: "Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Was immer ihr den geringsten meiner Brüder getan habt das habt ihr mir getan."

Er sah Wladimir auf der Straße und begrüßte ihn. „Wir werden den Jungen unsere Tänze zeigen. Wir sind doch junge Kerle!“

(Nacherzählt nach Leo N. Tolstoi, Wo Liebe ist, da ist auch Gott, 1885)

0
0
0
s2smodern
powered by social2s