Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

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Start 8. Klasse 2.b Religiöse Ideologien Marxismus als Erlösungslehre

Marxismus als Erlösungslehre

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Karl MarxDer Marxismus ist eine ausgesprochene Erlösungslehre. Genau wie für Buddha war auch für Marx das menschliche Elend des neuentstandenen Industrieproletariates in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Triebfeder seines Nachdenkens. Marx sucht die Erlösung nicht in einem individuellen Stille-Werden, in einem Unempfindsam -Werden, im Verströmen wie Buddha, auch nicht wie der Humanismus im einfachen Weiterhin-Menschsein. Nein, er sieht die Erlösung in einem sehr bestimmten Gang der Geschäfte, besonders in einer Rückkehr zur ursprünglichen Einstellung zum Werk unserer Hände. Früher, in einem natürlichen Zustand, blieb der Mensch im Besitz des eigenen Werkes. Der Mensch hatte sein "Selbst" in diesem Werk niedergelegt, er hatte sich darin verloren. Er behielt den Genuss und den Gebrauch, und damit auch sich selbst und entfremdete sich nicht. In der Kultur ist aber durch Arbeitsteilung und Mechanisierung ein anderer Zustand entstanden. Da gibt es Menschen, die gewaltige Produktionsmittel besitzen, mit Hilfe deren andere Arbeit leisten. Der Besitzer der Produktionsmittel wird reicher und reicher. Dinge gehören ihm, die er gar nicht gemacht hat. Sein Selbst geht in den Dingen auf; es sind Verlängerungen seiner Person. Seine Person wird dadurch in einem gewissen Sinn ein fremdes Ding. So wird er für sein menschliches Selbst ein Fremder. Er "verfremdet".
Ein ausgebeuteter Arbeiter verfremdet ebenso sehr, und das auf viel schmerzlichere Weise. Er legt sich selbst nieder im Werk seiner Hände. Würde er dies Werk behalten, dann behielte er auch sich selbst. Aber er muss sein Werk abgeben (und er bekommt weniger an Lohn dafür zurück, als es wert ist). So verfremdet auch er.
Das Bedürfnis, diesem Zustand zu entkommen, geht von den Arbeitern aus. Darum liegen Heil und Zukunft bei ihnen. Ihr Zustand wird unhaltbar, denn - so berechnete Marx - die Reichen werden immer reicher und geringer an Zahl, die Armen immer ärmer und immer zahlreicher ... bis einmal die Bombe explodiert, der Proletarier die Macht ergreift, die Produktionsmittel vergesellschaftet und die Diktatur des Proletariates ausruft. Dann kommt eine Gesellschaft, ein Heilszustand, worin der natürliche Zustand wieder bestehen wird. Der Mensch wird das Werk seiner eigenen Hände genießen. Das Verhältnis zur Natur wird wiederhergestellt sein. Man arbeitet, wenn man will. "... In der kommunistischen Gesellschaft, in der jeder sich in jeder beliebigen Branche entwickeln kann und keinen exklusiven Tätigkeitsbereich mehr hat, regelt die Gesellschaft die allgemeine Produktion und macht es mir gerade dadurch möglich, heute dies, morgen jenes zu tun, am Morgen zu jagen, am Mittag zu fischen und am Abend Viehzucht zu betreiben oder auch das Essen zu kritisieren, ohne jemals Jäger, Fischer, Hirte oder Kritikus zu werden, gerade, wie ich Lust habe" (Karl Marx, Die deutsche Ideologie, 1845).
Wie das aussehen wird, findet man bei Marx nicht genau gesagt. Aber eine neue Freude wird aufsteigen. Der Mensch fragt nicht nach Leben, Tod und Gott. Er wird sich auch nicht selbst entfremdet dadurch, dass er sich mit so unnützen Dingen abgibt. Leben wird er, harmonisch und glücklich, wie wir es uns gar nicht vorstellen können. Er wird ein neuer Mensch sein, nicht den Dingen, nicht den anderen Menschen entfremdet.
Diese Geburt wird sich in Krisen, in Schmerzen ereignen. Die Masse des Proletariats muss verelendet sein, um die Revolution zu wagen. Darum ist Marx gegen beschwichtigende Gesetze; sie halten die notwendige Entwicklung bloß auf. Die Aufgabe lautet nur: den Gang der Geschichte zu fördern dadurch, dass man das Proletariat seines Zustands bewusst macht, die Revolution predigt und den Klassenhass verschärft.
Der Mensch kann sich mit seinem Willen hinter den Entwicklungsprozess stellen. Der Prozess selbst ist notwendig. Die Entwicklung der Menschheit verläuft nach Gesetzen, denen sie nicht entgehen kann. Es geht auch nicht um Sünde oder menschliches Gut-Sein. Es geht um Einsicht in den Gang der Geschichte. Der Kapitalist ist nicht schlecht, aber er muss weg. Der Proletarier ist kein guter Mensch, kein Heiliger, aber er steht da, wo Heil aufsprießt.
Kann diese Heilsverkündigung das Schicksal überwinden?
Der oben skizzierte marxistische "historische Materialismus" bietet: 1. eine künftige Befreiung; überdies 2. eine fesselnde Theorie, und 3. eine Möglichkeit zu einer augenblicklichen Aktion. Der Mensch kann das Schicksal in die Hand bekommen.
Aber kann man auch sagen, dass es bezwungen wird? Fangen wir mit dem zuletzt Gesagten an. Der Mensch ist ein Kettenglied - an sich weder gut noch bös - in einem historischen Prozess. Dieser Determinismus macht jeden zum bloßen Bauern auf dem Schachbrett der Geschichte. Das unersetzbare Ich eines jeden geht im Ganzen auf. "Ich" ist im Marxismus eigentlich bloß eine Million Menschen geteilt .durch eine Million.
Praktisch bedeutet das: Der Bauer kann geopfert werden für das Ganze (was etwas anderes ist als das christliche Sich-selbst-Opfern für das Ganze). Das ist beängstigend. Eine Menschengemeinschaft, die den einzelnen Menschen so wenig achtet, dass sie ihn opfert, zerstört sich selbst: keiner ist mehr sicher. Der Gang der Geschichte kann es erfordern, dass jemand liquidiert wird. Der Gang der Geschichte ist das Schicksal, dem keiner im Marxismus entkommt. Auch hier gilt: Der Mensch ist bloß ein Mensch. Wer soll ihn befreien? Der "Heilszustand"?
Was Marx über die Zukunft vorausgesagt hatte, ist in den hundert Jahren, die seitdem verflossen sind, genau umgekehrt gekommen: Kein größerer Gegensatz zwischen arm und reich in der Gesellschaft, sondern ein kleinerer. Wie soll es nun zugehen mit seinem "Heilszustand"? Und selbst wenn dieser käme, könnte er dann das Schicksal bannen? Je herrlicher der Zustand, desto schmerzlicher der Tod. Und nach dem Tod? - Finsternis. Und doch immer wird sich die Frage stellen: Wozu, warum, von wem all dieses Herrliche? Kann sich ein Mensch so verändern, dass er diese Frage nie mehr stellt?
Wohl steckt im Marxismus eine Art religiösen Impulses. Allerlei Themen werden aus der jüdisch-christlichen Offenbarung herüber genommen: eine "heilige" Zukunft als Rückkehr zur ursprünglichen Bestimmung; ferner eine Botschaft, an die man "glaubt"; eine Partei als "heiliges Volk"; die Idee von einem "Jetzt" als der "Fülle der Zeiten"; ein "leidender Erlöser" (das Proletariat). Doch werden all diese Themen mit soziologischem Gehalt gefüllt; sie zeigen keine Antwort auf die letzten Fragen.