Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

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Start 8. Klasse 2.a Religionen in der Moderne 2.3 Evangelisierung und Dialog

2.3 Evangelisierung und Dialog

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Yin und Yang mit Orakelstäbchen I GingWenn ich mit einem Andersgläubigen in einen Dialog treten will, möchte ich, dass er mich ganz ernst nimmt. Wenn ich ihm sage, dass Gott sich uns durch seinen Sohn als unser aller Vater geoffenbart hat, möchte ich, dass er mir dies glaubt. Und ich lege dieses Zeugnis ab, in der Hoffnung, dass auch er zu diesem Glauben kommt. Dasselbe gilt auch umgekehrt vom anderen.

Gegenseitiges Vertrauen- und Glaubenschenken ist eine Voraussetzung jedweden Dialogs. Ich brauche aber nicht zu glauben, dass das, was mein Gesprächspartner bekennt, wirklich so ist, wie er es beschreibt. Aber ich muss glauben, dass das, was er bekennt, ihm das bedeutet, was er bekennt. Denn Bekenntnis ist nichts anderes, als das zu verbalisieren, was einem jemand oder etwas bedeutet.

Ich werde aber niemals sein Bekenntnis von innen her verstehen, wenn ich mich zu seinem Bekenntnis nicht bekehre. Die, welche am grünen Tisch eine andere Religion aus Büchern begreifen wollen, können anders reden. Aber die, welche Tischgemeinschaft mit den Andersgläubigen halten, werden von der Bekehrung bezeugen. Denn Bekehrung und Tischgemeinschaft, d.h. Conversio und Communio sind unerlässliche Möglichkeitsbedingungen eines echten Dialogs. Es wird aber damit keineswegs gesagt, dass man die eigene Wahrheit aufgibt. Es ist ein grundlegendes Missverständnis unter Christen, dass die religiösen Wahrheiten wie die mathematischen Wahrheiten sind, dass zwei sich widersprechende Wahrheiten nicht wahr sein können. Die Wahrheiten einer Religion werden durch die Sprache von Symbol, Metapher und Gleichnis ausgedrückt. Ziel solcher Sprache ist nicht, die transzendente Erfahrung zu beschreiben, sondern sie hervorzurufen, sie zu evozieren. Wenn unsere Kirche die Erfahrung, die uns durch Jesus Christus zu Teil wird, durch das Bekenntnis an die Dreifaltigkeit ausdrückt, dann ist dieses Bekenntnis kein Widerspruch zur Bhagavadgita. Denn das Bekenntnis an die Dreifaltigkeit ist ein Bekenntnis dessen, was wir erlebt haben, (aber nicht eine Widerlegung dessen, was andere nicht erlebt haben. Alle Bekenntnisse haben das Ziel, auf das hohe heilige Geheimnis hinzuweisen, aber es nicht zu beschreiben. Die Wahrheit eines Bekenntnisses besteht darin, dass sie fähig ist, uns zu der Erfahrung hinzuführen, aus der sie angeblich einst entstand. Außerdem kann ja keine sprachliche Formulierung das göttliche Geheimnis auffangen. Wohl aber hat die sprachliche Formulierung die Fähigkeit, unser Herz, nicht aber unseren Kopf in das Geheimnis zu führen.

Widersprechende religiöse Aussagen können gleichzeitig Gültigkeit haben, weil sie nur formal aber nicht real widersprechen. Wenn einer seine Frau als die schönste findet, braucht man nicht zu folgern, dass er lügt, nur weil eine andere Frau die Schönheitskonkurrenz gewinnt!

Die Einzigartigkeit, den Missionsauftrag der Kirche, geben wir damit nicht auf. Nur durch die christliche Offenbarung wissen wir von Gott als unserem liebenden Vater. Das ist das Spezifische des Christlichen. Die anderen Religionen haben das nicht, daher müssen wir Zeugnis davon ablegen. Gleichzeitig aber lernen wir aber vom Zeugnis der Bhagavadgita-Anhänger, dass unsere Erfahrung von ihrer Erfahrung verschieden ist, dass sie aber die unsere ergänzt, genauso wie die unsere die ihre ergänzt. Mission heißt, sich freuen über die andersartige Gotteserfahrung anderer Völker und diese Erfahrung sich zu Eigen machen und unsere mit denen teilen.

Die Gotteserfahrung, egal welche Tradition, hat das Ziel, uns bei der Menschwerdung zu helfen. Der Lahme hat Vorteile, die ein Blinder nicht hat und umgekehrt. Das Christentum verkündet die Tischgemeinschaft und die Fußwaschung als Wege zur Menschwerdung, wie die Bhagavadgita die Selbstlosigkeit und die Gemeinschaft mit allen Wesen als Weg der Gotteserfahrung betont.

Ich will keineswegs die These aufstellen, dass alle Religionen gleich sind, und dass es egal ist, mit welcher man sich zufrieden gibt. Im Gegenteil: Meine These lautet, dass die Religionen nicht gleich sind, dass sie daher einander ergänzen und korrigieren, und dass sie also ihre Eigenart nicht aufgeben dürfen. Sie sind wie die verschiedenen Spieler mit den verschiedenen Instrumenten eines großen Orchesters. Derzeit scheint es (Ist es so?), dass jeder Spieler allein in seinem Kämmerlein übt und dass sich jeder einbildet, er sei der einzige Spieler und das Musikstück bestehe nur aus seinem Spielen. Tatsächlich sind sie alle Mitglieder eines einzigen eschatologischen Symphonie-Orchesters. Sie alle haben eine doppelte Aufgabe: ihren eigenen Beitrag gut zu üben/und jeder sollte herausfinden, wie er mit den anderen zusammenspielen kann. Das kann er nicht, wenn er nur seinen Part kennt. Heute kann kein Christ ein guter Christ sein, wenn er nur beim Christentum stehen bleibt. Das Christentum entfaltet sich anders, wenn es dem Hindusein begegnet, und umgekehrt.

Der Hindu braucht die Fußwaschung und die Tischgemeinschaft, damit er dem Kastenlosen die Füße waschen und mit ihm Tischgemeinschaft feiern kann. Und der Christ braucht die Selbstlosigkeit und die Gemeinschaft mit allen Wesen, damit seine wissenschaftliche und industrielle Forschung nicht aus Gewinnsucht, sondern zum Wohle aller Wesen getrieben werden kann. Der Hindu muss mehr Sorge um die Mitmenschen tragen und der Christ muss mehr Sorge um die wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Welt tragen.

P. Francis D'Sa SJ, Dialogzentrum Poona/Indien . •

 

Aufgaben:

1. Notiere, was dir in dem Text auffällt (mind. 3 Sätze).

2. Notiere, wie der Autor, ein indischer Jesuit, den Dialog sieht und welche Voraussetzungen dazu notwendig sind (mind. 3 Sätze).

3. Notiere, welche Konsequenzen du für das Christentum bzw. für dein Christsein siehst (mind. 3 Sätze).