Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

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Das Judentum

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Thora, Menorah, Magen DavidsObgleich die jüdische Religion weit in die Geschichte zurückgeht, hat sie die uns bekannte Form erst zur Zeit des Exils erhalten. 722 v.Chr. erobern die Assyrer das Nordreich (Israel) und 587 v. Chr. die Babylonier das Südreich. Beide Male wird die Bevölkerung deportiert. Unter Kyrus kehren 538 v.Chr. etwa 42 000 Juden in ihre Heimat zurück. Die überwiegende Mehrheit bleibt in der Fremde oder, wie es später heißt, in der Diaspora.

Das Exil bewirkt eine religiöse Erneuerung wie nie zuvor. An die Stelle des Opferdienstes im Tempel (z.B. Tieropfer) tritt die Lesung und Auslegung der Tora, die Priesterschaft ersetzt das Königtum. Als Ort der gottesdienstlichen Versammlung dient die Synagoge. Der Bundesgedanke samt dem Bewusstsein der Auserwählung bewahrte das Volk vor der Versuchung, sich mit fremden Völkern zu vermischen. Der Bund stellt Gott so in den Mittelpunkt des Denkens, dass die Götter der Völker als inexistent erscheinen.

Träger dieser Erneuerung zur Zeit des Exils waren die Priesterschaft und die Propheten. Diese geistige Neubesinnung schärfte das Geschichtsbewusstsein Israels und ließ im Rückblick die Geschichte in einer ganzheitlichen Linie erscheinen. Gott war Ausgangs- und Endpunkt. Gott führte Israel unter Mose aus der ägyptischen Sklaverei und machte aus den staaten- und rechtlosen Apiru bzw. Hapiru ein Volk. Geschichte und Bund bilden eine Einheit, sodass im Pentateuch die Schöpfung als Beginn des Bundes vorangestellt wird. Von dem wirklichen Ablauf der Geschichte wissen wir sehr wenig. 1240 v.Chr. kündet eine pharaonische Inschrift in lakonischer Kürze: „Israel ist vernichtet, sein Same ist nicht.“ War es der Pharao des Auszugs unter Mose?

Die Landnahme fiel mit einer Völkerwanderung in diesem Gebiet zusammen. Im Abwehrkampf gegen die wiederholt einfallenden Philister (Phönizier) werden zunächst Richter zu Heerführern aufgestellt, unter Saul institutionalisiert sich das Königtum.

Um 1000 v.Chr. erfolgt unter den Königen David und Salomo ein kurzer Höhepunkt. In der messianischen Erwartung wird diese Zeit als Idealzeit herbeigesehnt.

Judentum und Christentum entwickeln sich nach der Zerstörung des Tempels durch Titus (70 n.Chr.) getrennt weiter. Das Christentum lastet dem Judentum die Verwerfung des Messias an; die Judenverfolgungen finden bis zum traurigen „Holocaust“ im 20. Jahrhundert ·kein Ende mehr.

Seit der Zerstörung des Tempels lebt Israel endgültig im Exil. Inneren Zusammenhalt geben die Synagogen, die Tora, die Speisegesetze und die Sehnsucht nach Zion (Jerusalem). 100 n.Chr. werden die heiligen Schriften gesammelt und ihr Umfang (Kanon) wird genau abgegrenzt. Um den palästinensischen und den babylonischen Talmud bildet sich ein unüberschaubares Schrifttum.

Im 13. Jahrhundert blüht in der „Kabbala“ eine mystische Richtung in Deutschland und Südosteuropa auf. Im 18. Jahrhundert kommt es zur mystischen Richtung des Chassidismus in der Ukraine. Martin Buber hat diese Richtung erschlossen.

Theodor Herzl (1860 - 1904) gründet den Zionismus mit dem Ziel der Rückkehr der Juden nach Palästina. 1948 erhalten die Juden unter Ben Gurion wieder einen Staat; 14 Prozent aller Juden leben dort und sprechen hebräisch.

Heute gibt es vier Hauptrichtungen des Judentums, die sich im Verhalten zur Tora voneinander unterscheiden: das orthodoxe Judentum (Israel und USA), der Chassidismus („Mission der Juden unter Juden“), das konservative Judentum (Anpassung unter Wahrung des Wesentlichen) und das liberale Judentum (Jede Generation muss sich neu unter die Autorität der Tora stellen).

(aus: J. Mitterhöfer, Das Judentum, in: Stadt Gottes, 7/81.)