Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

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1.2 Gott in der Kunst

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Moses vor dem brennenden Dornbusch mit ChristusNiemand hat Gott je gesehen. Das Alte Testament verbietet, wie erläutert, ausdrücklich die Darstellung Gottes im Bild, damit aber auch religiöse bildende Kunst. Auch die nachbiblische Theologie ist sich in der Frage der Nicht-Darstellbarkeit Gottes einig. Ab dem dritten Jahrhundert wurden Glaubensbilder - Szenen aus den Evangelien, Darstellungen Jesu nach dem Muster der antiken Kunst, symbolische Deutungen christlicher Wahrheiten - immer häufiger. Darstellungen Gottes wurden aber weiterhin abgelehnt.

Einer der führenden Theologen der Antike, Augustinus, formuliert: "Ferne bleibe uns die Vorstellung, das Wort und die Weisheit Gottes habe ein Antlitz und einen Rücken wie der menschliche Körper." Und: "Der Herr möge die Herzen seiner Gläubigen von solchen Vorstellungen reinigen!" (de trinitate 11)

Trotz dieser Ablehnung blieb es eine offene Frage, ob man nicht Gottes Lebendigkeit, sein Wirken, seine aktive Zuwendung zu seinem Volk auch ins Bild bringen könnte. Im dritten Jahrhundert finden christliche Maler eine solche Möglichkeit. In biblischen Szenen, in denen Gott direkt wirkt oder spricht, drücken sie seine Gegenwart mit dem Symbol der rechten Hand aus. Mit der "dextra Dei", der Rechten Gottes, ist gemeint, Gott greift ein, Gott spricht, segnet, schafft.

Das Problem, dass Gott nicht darstellbar ist, wird auch dadurch umgangen, dass Gott nur von hinten gezeigt wird. Die Künstler beziehen sich dabei auf das Buch Exodus:

Weiter sprach er (Gott): Du (Mose) kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den

Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen. (Ex 33,20-23)Moses vor dem brennenden Dornbusch mit Christus

 

DER MENSCHGEWORDENE GOTT

Christen haben darüber hinaus zur Darstellung Gottes die Christusgestalt benutzt. Christus wurde verstanden als das ewige Wort Gottes, das vor der Schöpfung schon in Gott existierte, das aber Mensch geworden ist und damit anschaulich, fassbar, abbildbar wird.

So erscheint nun über viele Jahrhunderte Gott in den Bildern in Gestalt Christi. In fast allen Bildern von der Erschaffung der Welt ist es von der Bildsprache her Christus, der die Welt erschafft, ein jugendlicher bärtiger Mann im Kaiserornat. Oft ist in seinem Heiligenschein ein Kreuz zu sehen, ein sichtbarer Hinweis darauf, dass Gott hier in Gestalt seines Sohnes gemeint ist.

Das Christusbild ist das einzig christliche Gottesbild. Auch der "Vater", wie Gott von Christen - und von Jesus - angesprochen wird, kann nur durch Christus dargestellt werden. In der Gestalt Jesu soll umgekehrt immer auch Gott Vater, der unbegreifli­che, unfassbare Schöpfergott mitgedacht werden.

Bibel: Er (Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. (Kol 1,15-17)

Fresko in San Clemente, Tahull, "Die Hand Gottes", 1123:Hand Gottes in San Clemente, Tahull, 1123