Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

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1.2 Der Bilderstreit

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Orthodoxer BilderstreitUm das Volk Israel vor dem Rückfall in Götzendienst zu bewahren und das geistige Wesen Gottes scharf herauszustellen, war ihm im Alten Testament befohlen worden; "Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen ... " (Ex 20, 4; Lev 26, 1; Dtn 4, 16). Nachdem aber Gott selbst Mensch geworden war und in Jesus Christus sichtbare Gestalt angenommen hatte, konnte im Neuen Testament das Bilderverbot nicht mehr die gleiche Bedeutung haben wie im Alten Testament. Trotzdem zeigt die Urkirche lange Zeit große Zurückhaltung. Sie bediente sich lieber der Zeichen und Symbole als bildlicher Darstellung Christi. Die älteste Kruzifix-Darstellung ist uns aus dem 4. Jh. erhalten (S. Sabina in Rom). Wenn man auch um der vielen Christen willen, die nicht lesen konnten, der bildhaften Darstellung biblischer Szenen und der Heiligen nicht ganz entraten konnte, so blieb man doch über Sinn und Bedeutung der Bilder Christi geteilter Meinung. Die christologischen Streitigkeiten spielten hinein.

Dabei ging es um die Frage, ob es überhaupt möglich und erlaubt sei, die menschliche Natur Christi darzustellen. Die strengen Doketen wie auch die Monophysiten lehnten die Christusdarstellungen ab, weil sie nicht an die volle und wahre Menschennatur Christi glaubten. Auch die gemäßigt Eingestellten hielten es zumindest für unzweckmäßig, die menschliche Natur darzustellen, da sie ihr keine heilsökonomische Bedeutung beimaßen. Wenn man schon den Gottmenschen darstellen wolle, müsse man seine Doppelnatur berücksichtigen. Da man aber das Göttliche nun einmal nicht im Bilde festhalten könne, komme jede nur menschliche Darstellung einer gefährlichen Häresie, dem Nestorianismus, entgegen, wenn man nicht gar mit den Arianern überhaupt die Göttlichkeit Christi leugne. Darum, so argumentierten sie, sei jede bildliche Darstellung Christi häresieverdächtig und gefährlich. Es komme hinzu, daß das Volk dazu neige, alle Bilder abergläubisch zu verehren, auch die der Heiligen, insbesondere Marias. Es sei daher besser, Bilder und Bilderverehrung ganz zu unterdrücken.

Nach dem Einfall der Araber 634 in Syrien und Ägypten und unter dem Eindruck ihrer bilderfeindlichen religiösen Propaganda gingen viele Bischöfe dazu über, auch ihrerseits die im christlichen Volke weitverbreitete und beliebte Bilderverehrung zu bekämpfen. Trotzdem sprach sich das Konzil "Trullanum II." von Konstantinopel 692 noch für die bildhafte Darstellung Christi aus. Aber die bilderfeindliche Bewegung griff weiter um sich, und als schließlich Kaiser Leo IIl. (717-741) im J. 730 ein Verbot der Bilderverehrung für das ganze Reich erließ, entbrannte der Streit. Das Volk war gespalten. Die Mehrheit setzte sich unter Anführung der Mönche erbittert für die Beibehaltung der Bilder ein. Politische Gegensätze spielten in manchen Gegenden eine starke Rolle, besonders in Unteritalien, und als Papst Gregor III. (731-741) sich auf einer römischen Synode gegen die kaiserliche Maßnahme aussprach, kam es zu einer empfindlichen Verschärfung des Gegensatzes zwischen Ost- und Westkirche.

Unter Kaiser Konstantin V. (741-775) erreichte der Bildersturm seinen Höhepunkt. Ein Konzil von Hiereia ordnete 754 die Vernichtung sämtlicher Bilder religiösen Inhalts an. Blutige Aufstände, Verfolgungen, Hinrichtungen, besonders von Mönchen, die in manchen Gegenden fast ausgerottet wurden, erschütterten das oströmische Reich, bis schließlich Kaiserin Irene einlenkte und im Jahre 787 das 7. Ökumenische Konzil in Nicäa, das zweite von Nicäa, versammelte und auf ihm die Bilderverehrung wiederherstellte. Die Anwesenheit von zwei päpstlichen Legaten und die Anerkennung durch den Papst machte dieses Konzil zum letzten Allgemeinen Konzil, auf dem Ost- und Westkirche vereint waren. Es klärte den Streit, indem es unterschied zwischen Anbetung und Verehrung. Anbetung kommt Gott allein zu (= Latreia), Verehrung (Proskynesis) kann auch Geschöpfen gegeben werden, denn, so erklärte das Konzil, auf Johannes Damaszenus (+ um 754) und Basilius d. Gr. (+ 379) gestützt, "die Ehre des Bildes geht auf die Ehre des Urbildes zurück". Der Wert des heiligen Bildes, der Ikone, ruht nicht in ihm selbst, sondern in seinem Hinweis auf den dargestellten Heiligen bzw. auf Christus: "Wer ein Bild verehrt, ehrt damit den Gemalten."

War somit alles in Ordnung, so hatte man doch in Byzanz Karl. d. Gr. ganz übergangen. Karl erblickte in dem selbstherrlichen Vorgehen der Kaiserin, die ein Allgemeines Konzil berufen und eine Glaubensfrage entschieden hatte, ohne ihn dazu zu hören, eine so massive Verletzung der Gleichberechtigung des Frankenreiches mit dem Osten, daß er sogleich mit großer Heftigkeit darauf reagierte und das Heiratsprojekt kurzerhand aufkündigte. Dann veranlasste er die Abfassung einer großen Staatsschrift, der sog. Libri Carolini (790), die sich gegen das Nicaenum II. und gegen die Bilderverehrung aussprach. Ihre Verfasser, Alkuin oder eher noch Theodulf von Orleans, sind dabei freilich einem verhängnisvollen Missverständnis unterlegen. Da sie kein Griechisch konnten, die lateinische Übersetzung aber für "Proskynesis" und "Latreia" lediglich das eine Wort "adoratio" zur Verfügung hatte, erfassten sie die Unterscheidung zwischen " Verehrung" und "Anbetung" nicht und polemisierten zu Unrecht gegen die angebliche "Anbetung" der Bilder im Osten. Die ganze Schrift war einem unverkennbar anti-byzantinischem Affekt entsprungen. Sie muss verstanden werden als "Protest des Frankenreiches gegen Ostroms Führungsanspruch auf dogmatischem, kirchlichem und politischem Gebiet" (G. Haendler).

Nicht anders muss auch Karls Gegenaktion verstanden werden: die Frankfurter Synode von 794, die er als ein Allgemeines Konzil betrachtet wissen wollte. Wenn sie auch niemals "ökumenische" Anerkennung gefunden hat, so ist sie doch mehr gewesen als eine gewöhnliche fränkische Reichssynode. In ihren Beratungsgegenständen befasste sie sich mit der adoptianischen Irrlehre zweier spanischer Bischöfe, des Elipandus von Toledo und des Felix von Urgel; ferner mit der Frage der Bilderverehrung, die sie abermals ablehnte, und mit Reformmaßnahmen für Klerus, Mönchtum und Volk. Karl ging es darum, es in diesen Dingen dem byzantinischen Kaisertum gleichzutun.