Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start 5. Klasse 1. Die große Sehnsucht 1.2 Sucht durch Verachtung des Vaters

1.2 Sucht durch Verachtung des Vaters

E-Mail Drucken PDF
Psychotherapie bei Bert Hellinger:

Hellinger dreht sich zu Marias Mann: »Ich will dir etwas zum Trinken sagen. Die Trinksucht tritt auf, wenn der Vater verachtet war. Nicht vom Sohn, sondern von der Frau, die ihren Mann nicht achtet. Die Sucht wird ausgelöst durch das Verhalten der Mutter, indem sie ihren Mann verachtet. Sie sagt: „Was vom Vater kommt, ist schlecht, nimm nur von mir.“ Das ist die subtile Form der Verachtung: „Ich halte mich für besser, du sollst nur von mir nehmen.“ Dann rächt sich das Kind und nimmt von der Mutter so viel, dass es ihm schadet. Das ist die Sucht. Mit dieser Kraft der Sucht macht dann der Sohn etwas, für das er auch verachtet wird. Das ist wie eine stille Liebe zum Vater. Die Heilung der Sucht beginnt also damit, dass der Vater geachtet wird und das Kind der Mutter zumutet, dass es den Vater liebt und achtet. Wenn der Vater in den Blick kommt und geachtet wird, dann kann man das Trinken auch lassen.“ Marias Mann hört zu. Es ist außerordentlich still in ihm. Die Stürme brausen nicht mehr. Jedes Wort nimmt er wie eine Hostie auf. Ja, er hat seinen Vater tief im Herzen. In Achtung seines schweren Schicksals. Wenn seine Mutter hier wäre, würde er ihr sagen: »Liebe Mutti, er ist mein einziger Vater und ich bin sein Sohn, ich liebe und ehre ihn, auch wenn es dir nicht gefällt. Es ist mein Recht. Doch auch dich liebe und achte ich, trotz allem, denn auch du hattest es schwer.“. Er ist satt. Er hat kein Bedürfnis mehr nach einem Getränk. Nicht mehr. Als ich eineinhalb Jahre nach dem Aufstellungsseminar fragte, wie es ihm geht, erfuhr ich, dass er nur noch selten trinkt, dass weder er sich selbst noch die anderen ihn als Trinker sehen.