Religionsunterricht am Goethe-Gymnasium Wien

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start 1. Klasse 5. Weihnachten 5.3 Das Sternsingen

5.3 Das Sternsingen

E-Mail Drucken PDF
SternsingerRund um die Hl. Drei Könige gibt es viele kulturelle Aktivitäten: Es gab früher nicht nur das Dreikönigssingen, sondern es gab auch Dreikönigsumzüge und Dreikönigsspiele. Von diesen Aktivitäten ist lediglich das "Dreikönigssingen", besser bekannt unter "Sternsingen", bis in die Gegenwart erhalten geblieben. Es hat heute nach wie vor einen hohen Stellenwert im weihnachtlichen Festkreis. In Österreich ist das Sternsingen seit den fünfziger Jahren eng mit der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar verbunden.
Das Sternsingen hat seinen Ursprung in vorchristlichen Bräuchen. In den Rauhnächten wurde in Häusern und Ställen geräuchert, um Mensch und Tier vor dem Einfluss böser Geister zu schützen. Die finstere Zeit der Wintersonnenwende wurde als bedrohlich und lebensfeindlich erfahren. Der Sehnsucht nach Licht, Wärme und Lebenskraft wurde in vielfältigen Bräuchen und Ritualen Ausdruck verliehen. Das Neujahrsansingen gilt als eine der Wurzeln des christlichen Dreikönigssingens. Die Bräuche um den Jahreswechsel wurden christianisiert. Dies war gar nicht schwierig, da die Lichtsymbolik, die ihnen innewohnte, sehr gut zur Geburt Christi (= das Licht der Welt) passte. Die Figuren der Heiligen Drei Könige inspirierten die Menschen von Beginn an, Umzüge und Theaterspiele zu veranstalten. Bis zur heutigen Zeit sind traditionellerweise drei Könige und ein Sternträger unterwegs, um die Geburt Christi zu verkünden.
Die biblische Erzählung und ihr Stellenwert
Doch zurück zu den Anfängen. Um die Bedeutung und Langlebigkeit des Sternsingens erklärlich zu machen, ist es notwendig, die Geschichte der Drei Heiligen Könige näher zu betrachten.
Nur zwei der vier kanonischen Evangelien thematisieren die Geschichte der Geburt Jesu. Im Lukasevangelium wird über die Verkündigung der "Ankunft des Erlösers" an die Hirten berichtet. Das Matthäusevangelium berichtet über den Besuch und die Huldigung von Magiern aus dem Osten und richtet sich an jüdisches Publikum. Es soll nachweisen, dass sich die Verheißungen des Alten Bundes erfüllt haben. Stilistisch sehr kunstvoll schafft es der Autor, jüngere Überlieferungen mit den Prophezeiungen der Vorväter zu verbinden. In Matthäus 2, 1-12 werden z.B. Texte aus Michäus zitiert und Psalmverse des Isaias inhaltlich wiedergegeben.
Die Geburt Christi wurde von den Christen ursprünglich am 6. Jänner gefeiert. Im Jahre 354 n.Chr. erklärte Liberius, Bischof von Rom, den 25. Dezember zum Geburtstag des Herrn. Ab dem Jahre 376 war dieser neue Termin für die ganze Westkirche verpflichtend. Die Ostkirche feiert bis heute die Geburt des Gottessohnes am 6. Jänner (Epiphanie). Auch in der Westkirche war dieser Termin ein kultisch sehr bedeutender Tag und konnte nicht aufgegeben werden. Fortan sollte an diesem Tage die Geburtserzählung des Matthäus verdeutlichen, dass sich die Herrlichkeit Gottes den Heiden - in Gestalt der Magier oder Sterndeuter - offenbart hat. Hinzu kam die Taufe Christi im Jordan, die am ersten Sonntag nach Dreikönig gefeiert wird. In der Westkirche liegt der Schwerpunkt des Festes auf dem Gedächtnis der Magierepisode, doch nimmt man am Epiphanietag auch die Weihe des Taufwassers vor.
Die Heiligen Drei Könige waren weder heilig, noch handelte es sich um drei Könige. Das Evangelium spricht sehr neutral von "Magiern aus dem Morgenland" (auch die Übersetzung: "Sterndeuter aus dem Osten" ist gebräuchlich), die einem Stern folgend den Erlöser suchten. Es gibt keine Auskunft über ihre Herkunft und Anzahl. In den ersten frühchristlichen Kunstwerken, welche die Erzählung aufnahmen, wurden zwischen zwei und zwölf Personen dargestellt. Papst Leo der Große meinte, dass es dem gesunden Menschenverstand entspräche, dass drei Gaben auf drei Überbringer hinweisen würden. Von nun an blieb man bei der Zahl "Drei". Erst ab dem 10. Jahrhundert werden die Magier auf Bildern als Könige mit Kronen auf den Häuptern dargestellt.
Die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar sind seit dem 6. Jahrhundert gebräuchlich. Sie haben symbolische Bedeutung. "Kaspar" hat seinen Ursprung im Persischen und bedeutet "Schatzmeister". "Melchior" kommt aus dem Hebräischen und heißt "Mein König ist Licht". "Balthasar", das babylonische "Balatsu-ucur" heißt übersetzt "Beschütze sein Leben". C + M + B schreiben die Sternsinger mit geweihter Kreide an die Türen der besuchten Haushalte. Hier handelt es sich um den Segenswunsch: "Christus Mansionem Benedicat", Christus beschützt dieses Haus.
Die Könige verkörpern die drei Lebensalter, Jüngling, Mannesalter und Greis. Bei den meisten Darstellungen ist es der Greis - ihm selbst würde die meiste Ehre gebühren - der sich am tiefsten neigt, um seine Demut und Ehrerbietung zu zeigen. Der Kontakt mit dem Orient macht im 16. Jahrhundert "Kaspar", den jüngsten König, zum Mohren. Dies fand in unseren Breiten leicht Eingang in den Brauch, da eine "Schwarzmaskierung" in den Jahresanfangsbräuchen durchwegs üblich war. Es ist aber nicht eindeutig zu sagen, wer "wirklich" der schwarze König ist. Johannes von Hildesheimer lieferte aus verschiedenen Traditionen eine Zusammenfassung - ein richtiggehendes Volksbuch - über die Lebensschicksale und den Tod der Heiligen und über die Übertragung ihrer Gebeine. In diesem Werk stammt Melchior aus Nubien, Balthasar aus dem Königreich Saba und Kaspar aus Tharsis.
Im Matthäusevangelium finden wir Angaben über die Geschenke der Magier, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Dies waren zur damaligen Zeit Geschenke für einen König. Über die Bedeutung dieser Gaben gibt es zahlreiche Angaben. Aus der "Legenda aurea" von Jakobus a Voragine (die beliebtesten mittelalterliche Sammlung von Heiligenlegenden) sind einige Hinweise über die Bedeutung der königlichen Geschenke herauszulesen: St. Bernhard spricht darin, dass die Könige Gold opferten wegen der Armut Marias, Weihrauch, um den bösen Geruch des Stalles zu vertreiben, und Myrrhe, um die Glieder des Kindes zu stärken und gegen die bösen Würmer. Oder: Gold als Zins, weil Christus der oberste König ist, Weihrauch als Opfer, weil er Gott ist, und Myrrhe für ein Begräbnis, da er sterblicher Mensch ist.
Es ranken sich auch zahlreiche Legenden um die drei Gaben der edlen Besucher. Man erzählt z.B., dass "seit Adams Zeiten Gold, Weihrauch und Myrrhe in einer Schatzhöhle verborgen gewesen wären". Einer syrischen Überlieferung zufolge hätten die Könige in Bethlehem aus Mariens Händen die Windeln Jesu empfangen, die später schneeweiß aus den Flammen des Feuers hervorgegangen wären. Auch wollte man wissen, dass die Magier nicht von einem Stern, sondern von Engeln an die heilige Stätte geführt worden wären. Als Sternenkundige waren die drei Weisen eng mit der Welt der Überirdischen verbunden. (Sterne galten als mächtige Wesen, die auf die Geschicke der Menschen einwirkten.)
Heiligenverehrung im Mittelalter
Die intensive Dreikönigsverehrung erfasste die Menschen des Mittelalters. Auch wenn die Magier niemals offiziell heilig gesprochen wurden, so hatten sie doch in der Volksfrömmigkeit eine herausragende Bedeutung. Sie wurden als mächtige Patrone bei Krankheit, Feuer oder Diebstahl angerufen. Ihrer langen beschwerlichen Fahrt wegen wurden sie auch als Schutzpatrone der Reisenden verehrt. Diese intensive Verehrung steht in engem Zusammenhang mit dem Auftauchen der angeblichen Reliquien der Magier.
Im Mittelalter entwickelte sich ein reger Reliquienkult. Menschen pilgerten zu den Wirkungsstätten und Gräbern verehrter Heiliger. "Im Bannkreis der Heiligen wollten sie Kraft und Hoffnung für das eigene Leben schöpfen."
Die mutmaßlichen Gebeine der Magier wurden von der römischen Kaiserin-Mutter Helena gefunden. Im 6. Jahrhundert wurden sie von Byzanz (dem heutigen Istanbul) nach Mailand gebracht, das zu einem bedeutenden Wallfahrtsort wurde. Mailand wurde von Friedrich I. Barbarossa zerstört, die Gebeine nach Köln gebracht, wo sie nun in einem kostbaren Schrein von Nicolas von Verdun ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Nun begann ein reges Wallfahrtsleben. Die Namen der Gasthöfe rund um den Dom zeugen noch von dieser Zeit: "Gasthof zum Mohren", "Goldener Stern", "Gasthof zur Krone".
Von szenischer Darstellung zum Singen auf der Gasse
Im Mittelalter war es üblich, den Gottesdienst mit dramatischen Szenen zu beleben, um den Menschen die Heilsgeschichte plastisch vor Augen zu führen. Nach dem Vorbild der bereits etablierten Osterspiele entwickelten sich auch Weihnachtsspiele, hierzu zählten auch Dreikönigsspiele. In der Literatur herrscht Uneinigkeit darüber, ob das Dreikönigssingen, das im 15. und 16. Jahrhundert seinen Ausgang nahm, ein eigenständiger Brauch, oder eine Fortführung der mittelalterlichen Spiele war. Zumindest aber wurde das Sternsingen von den alten Bräuchen inspiriert. Schüler und Studenten waren die ersten Sternsinger. Da sie meist materielle Not litten, erhielten sie von den Stadtvätern und Landesherren Sonderprivilegien. Dazu zählte das Singen auf der Gasse an Sonn- und Feiertagen und zu gegebenem Anlas. Der Dreikönigstag war ein solcher Anlass. Wahrscheinlich wurde das schon früher übliche Neujahrs-Ansingen umfunktioniert. Drei als Könige verkleidete Schüler, meist in Begleitung ihres Lehrers, zogen durch die Gassen und baten um eine Gabe. Die wichtigste Requisite, der Stern, durfte nie fehlen. Die Texte und Lieder der Sternsinger hatten überregional eine einheitliche Form. Diese erstaunliche Tatsache ist auf den im 16. Jahrhundert üblichen "Flugblattdruck" zurückzuführen.
Es gibt noch alte Notizen, Belege und Regungen, die auf die Sternsingerei hinweisen. "1552 erlaubte die Stadt Eggenburg/Niederösterreich dem Schulmeister und seinen Assistenten, mit dem Stern zu gehen, doch müsse er selbst mitsingen und verhüten, dass Unfug, Rumor oder andere Unzucht vorkomme; er solle auch zeitlich zur Bierglockenzeit aufhören."
Doch schon bald waren es nicht nur Schüler, die diesen Brauch pflegten. In den Dörfern und Märkten waren es vor allem die Handwerker, die Sternsingen gingen. Aus Bergen/Norwegen wird berichtet, dass es zu einem Konflikt zwischen Domschülern und Handwerkern kam, weil beide Gruppen als Sternsinger herumzogen. Die Schneidergesellen jedoch hatten keine Genehmigung. Auch wird von fahrenden Sternsingergruppen berichtet, die weite Strecken zurücklegten. Das Sternsingen erfasste in kürzester Zeit den halben Kontinent. Aus verschiedensten Dokumenten geht hervor, dass das Sternsingen im deutschsprachigen Osten, in Skandinavien, England und Frankreich nachzuweisen ist.
Die Zeiten waren schlecht und so gingen im Laufe des Dreißigjährigen Krieges ausgediente Soldaten sternsingen, um ihr Überleben zu sichern. Auch all jene, die keine Arbeit fanden oder sich nicht mehr in die Gesellschaft eingliedern konnten, "arbeitsscheues Gesindel", wie abfällig gesagt wurde, suchten mit Sternsingen ihr Auskommen zu finden. So berichtet 1697 beispielsweise der Rentenmeister von Burghausen/Oberbayern: "Viel unnützes Gesindel als abgedankte Soldaten und Abdecker und dergleichen gehen als Sternsinger und Haargeiger umher und beschweren die Untertanen. Benamste Personen sind mit dem liebseligen Brot oder anderer Gab nit zufrieden, sondern wollen nur Haar (Flachs) oder Geld, verlangen gleich 2 dn. Oder gar einen Kreuzer ansonsten sie gleich mit Abbrennen und anderem sehr bedrohlich sind".
Lebendiges Brauchtum der Gegenwart
Der Brauch des Sternsingens wurde oft in Misskredit gebracht, verboten oder nur mit Sondergenehmigungen gestattet. Dem an Macht zunehmenden rationalistischen Denken und der Aufklärung war es vorbehalten, rigoros in bestehende brauchtümliche Tradition einzugreifen, sie gewaltsam zu unterbinden oder zu verändern. Die Aufklärung schnitt so den Faden so mancher brauchtümlicher Überlieferung ab. Es gelang kleinen Umzugsbräuchen deshalb eher, den scharfen Geist rationaler Nüchternheit zu überdauern. So überlebte das Sternsingen. Auch die Wirrnisse zweier Weltkriege und die soziokulturellen und politischen Umwälzungen unseres Jahrhunderts konnten an der Lebendigkeit des Brauches nichts ändern. Dank engagierter Pfarrer wurde das Sternsingen in vielen österreichischen Gemeinden wieder- und neubelebt. Heute ist der Brauch lebendig wie eh und je.
Was sich verändert hat, ist die Verwendung der Gelder. Die Sternsinger der Katholischen Jungschar machen sich unter dem Motto "Hilfe unter gutem Stern" auf. Sie besuchen Menschen der Pfarrgemeinden mit ihren Liedern und Segenswünschen. Die Gelder, die gegeben werden, sind heute nicht mehr für die Sternsinger selbst gedacht, sondern für Menschen, die unsere Solidarität, unser Interesse und unsere materielle Hilfe dringend nötig haben.
Das Sternsingen - eine Aktion der Katholischen Jungschar
Die Katholische Jungschar ist die größte Kinderorganisation in Österreich. Jungschargruppen gibt es in über 2.000 Pfarrgemeinden in Österreich und Südtirol. Etwa 130.000 Kinder gehören diesen Gruppen an und werden von 15.000 ehrenamtlich engagierten Gruppenleitern und Gruppenleiterinnen betreut.
Die Sternsingeraktion wird heute von der Jungschar in ganz Österreich, in 98% der Pfarren, durchgeführt. Über 70.000 Kinder ziehen von Haus zu Haus, verkünden die Botschaft von der Geburt Jesu und sammeln Spenden für notleidende Menschen in der "Dritten Welt".
Begonnen hat das Engagement der Jungschar im Jahre 1955. Der Geschäftsführer der MIVA fragte bei der Jungschar an, ob sie nicht für Verkehrsmittel für Missionare sammeln könnte. Ein Auszug aus dem Brief: "Wäre es nicht möglich, dass einige Jungschargruppen Sternsingen gehen und das gesammelte Geld der Mission zur Verfügung stellten? Wir haben über 100 Ansuchen von Missionaren für Fahrzeuge, wenn es für ein Motorrad reicht, bin ich zufrieden."
Nun, es reichte damals für drei Motorräder, und seitdem ist die "Hilfe unter gutem Stern" kontinuierlich gewachsen. Heute können jährlich an die 500 Projekte in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien finanziert werden.